Die Entdeckung der Langsamkeit
Über „Die Entdeckung der Langsamkeit“
Morgenstern und Rühmann betreten die Bühne. Acht Scheinwerfer beleuchten zwei Stühle, einen Notenständer und ein Rednerpult.
Der Musiker nimmt vor dem Notenständer Platz. Noten wird er dort nicht ablegen, nur ein Textbuch. Morgenstern improvisiert zu dem, was Rühmann
spricht. Das Textbuch braucht er für die Einsätze, auch, um zu wissen, wann wieder ein Song des aus der benachbarten Lausitz stammenden Liedermachers
Gerhard Gundermann an der Reihe ist.
Währenddessen geht Rühmann zum Rednerpult, deponiert dort sein Textbuch. Er beginnt nun, aus dem Roman zu lesen, nein: zu rezitieren, gestützt
auf den in Blättern abgelegten Text. Er guckt, wie Franklin guckt, wenn er einem Bild nachsinnt, das vor seinen Augen entsteht. Er fährt mit Franklin zur See,
Morgensterns Akkordeon ruft dabei das Tosen der Wasser herbei. Rühmann/Franklin erleben eine Seeschlacht, Morgenstern verwächst mit seinem Akkordeon zu einem
magischen Orchester, intoniert Kommandopfiffe, Breitseiten, Schreie und stürzende Masten. Rühmann steckt als Franklin im arktischen Eis, wo er - immer auf der Suche nach
der Nordwestpassage - mit seinem stoischen Gemüt seiner Besatzung das Leben rettet. Das nördliche Gegenstück zu Kap Horn ist dem langsamen, aber konsequenten
Denker Franklin zur fixen Idee geworden. Am Ende hat er sie gefunden. Doch die Passage rund um Nordamerika ist nicht brauchbar, weil nicht schiffbar, weil immer vom Eise bedeckt.
Ein nutzloser Sieg, bezahlt mit Krankheit und Tod.
Am Ende spielt Morgenstern wieder ein Lied des Baggerführers Gundermann. Rühmann singt die Zeilen über den langsamen John. Gundermann, der Liedermacher,
konnte Popularität gewinnen, weil Gundermann, der Baggerführer, nach anderem Zeitmaß lebte als die, die dachten, überholen zu können ohne erst einholen
zu müssen; der auch nach anderem Takt lebte, als die, deren Glück darin besteht, bei jeder Modewelle die ersten, bei jeder Geschäftsidee die schnellsten zu sein.
Für jene, die da nicht mehr hinterher kamen, hinterher kommen wollten, sang Gundermann aus dem Herzen. Und singt jetzt Rühmann.
In Vortrag und Gesang verknüpft der Schauspieler Bodenständigkeit, das Unzeitgemäße des Landlebens mit der kindlich scheinenden Perspektive des Helden.
John Franklin erscheint als ein Bruder von Forrest Gump, mit Makeln behaftet für die Umgebung. Doch diesem seinem Charakter treu bleibend erweist er sich als erfolgreicher
als alle anderen, als Igel unter den Hasen. Sich Zeit lassen und da sein - ein Motiv, das durchaus bezeichnend ist auch für das „Theater am Rand“.
Von Tom Mustroph, gekürzt
Stücke / Die Entdeckung der Langsamkeit






