Theater am Rand - Foto: Rudolf Wernicke

Seide

Bariccos "Seide" in "Dichterwort - Sprache der Welt"

In der Reihe "Dichterwort - Sprache der Welt" hat am Sonntag die Literatur mal ganz für sich allein gesprochen, ohne den sonst üblichen literaturgeschichtlichen Vortrag, unterstützt allein von Musik. Thomas Rühmann sprach Alessandro Bariccos "Seide". Tobias Morgenstern, einer der besten Akkordeon-Spieler (L'art de Passage), illustrierte die Geschichte mit exotischen Klängen auf Synthesizer und Akkordeon. Als Prolog stellten sie einen Song von Rio Reiser voran - von einem Boot im Wind auf dem Meer. Rühmann griff nicht nur bei dieser Gelegenheit auch zur Gitarre.
Dass man die harten Sitzflächen der Stühle im Gemeindehaus der Christuskirche vergisst, dürfte selten vorkommen. Die Vorstellung aber, die die beiden boten, entrückte einen über weite Strecken. Dass diese Prosa des 1958 geborenen italienischen Autors nicht nur "Seide" heißt, sondern an vielen Stellen auch so leicht ist wie solch ein Gewebe, hier konnte man es erleben.
"Seide" ist eine Novelle, weil sie nämlich von einer unerhörten Begebenheit handelt: Der etwa 30-jährige Herve Joncour lebt mit seiner Frau Helene in einer südfranzösischen Kleinstadt, verdient recht anständig beim Handel mit Seidenraupen. Als diese Tiere 1861 von einer weltweiten Epidemie heimgesucht werden, bleibt nur noch ein Ort unverschont, der aber liegt weit weg in Japan. Der Händler macht sich dorthin auf, immer wieder, einmal im Jahr, über tausende von Kilometern. Bei dem japanischen Edelmann Hara Kei entdeckt er eine junge Frau, die rätselhafter Weise sehr europäisch aussieht. Er verliebt sich in sie. Spricht nie ein Wort mit ihr, es gibt nur diese kurzen, zarten Momente der Begegnung. Dazwischen liegen die schier unendlichen Reisen und die Normalität von Herve Joncours Leben zu Hause. Dann bricht der Krieg aus in Japan. Bei seiner letzten Reise entdeckt der Händler nur noch Trümmer von diesem Dorf.
Ein in seiner Ruhe groß wirkendes Gleichnis auf die Raum und Zeit überwindende Macht der Liebe, in dem vieles nur sacht angedeutet bleibt, das nicht nur durch die sich wiederholenden Wegbeschreibungen an Märchen und Legenden erinnert. Rühmann und Morgenstern haben es, ganz auf Gestik und Mimik verzichtend, zu einem unglaublich fesselnden Hörerlebnis gemacht. Wie Rühmann immer wieder seinen Erzählfluss bremste, wie er die knappen, witzigen Dialoge gestaltete, in seiner Stimme sanft die Seide rascheln ließ, dann wieder zu den bisweilen in Dissonanzen kippenden und an Lautstärke zunehmenden Klängen Morgensterns die Stimme dramatisch steigerte bis zum Brüllen, abbrach, Stille eintreten ließ - das war faszinierend.

Tomas Gärtner
Gastspiel am 13.12.2005 in der Reihe „Dichterwort“ der IG Schauspiel Dresden e.V.

 

Geschichten wie aus Seide 
Eine sehnsuchtsvolle Reise im Theater am Rand

Zollbrücke (MOZ) Es geht um das hauchzarte, elegant schimmernde Nichts. Es geht um Seide und um Seidenraupen, die sehnsuchtsvollen Reisen des französischen
Seidenhändlers Herve Joncour an das Ende der Welt, nach Japan. Tobias Morgenstern und Thomas Rühmann entblättern "Seide". Ganz langsam entfalten sie die Novelle von Alessandro Baricco vor dem dicht gedrängt sitzenden Publikum im
Theater am Rand. Unruhig tasten Rühmanns Augen am Nirgendwo entlang, unmittelbar über den Köpfen des Publikums. Der Horizont, den die Enge des Raumes vorgibt, ist keine sechs Meter entfernt. Wer hier im Publikum sitzt, kann nicht umhin, sich auf das Stück einzulassen. Gleichwohl gibt es weder für Schauspieler noch Musiker den kleinsten Fluchtpunkt. Eine Situation, die beiden Seiten viel abverlangt...
Immer wieder sind es Rühmanns suchende Augen, die die Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Mimik und Gestik indes sind auf das Mindeste beschränkt. Die Hände ruhen auf den Oberschenkeln, der Mund formt mit weichen Bewegungen die Worte. Das Publikum hängt an Rühmanns Lippen. Dessen Stimme spielt mit dem Sprachfluss, lässt Pausen, die ironisch anmuten.
Dazu findet Tobias Morgenstern auf dem Klavier zauberhaft verspielte Töne,
leicht, poetisch und märchenhaft, wie die Novelle selbst es ist. Doch bricht Rühmann die Geschichte, die bei Baricco eine tragische Liebesgeschichte voll von Sehnsucht ist. Sie endet ohne wirklich begonnen zu haben. Wie ein zerschnittenes Seidentuch fällt der Rest langsam zu Boden.

Dominique Hensel, Märkische Oderzeitung, Januar 2003

Stücke / Seide