Theater am Rand - Foto: Rudolf Wernicke

WILHELM PAULI  (FORUM Kommune 5/05)

Zäckericker Loose, Zollbrücke Nr. 16

Wort und Musik, Weh und Glück im »Theater am Rand«
Erst ist man verblüfft. Gerade waren wir von Berlin-Marzahn kommend eine schütter besiedelte B 158 bis Bad Freienwalde gefahren, dort in Richtung Wriezen in wolkenschwere Ödnis gebogen, um uns nach wenigen Kilometern links ins vom Regen durchnässte Flechten- und Buschwerk über Croustiller, Neureetz, Neuküstrinchen, Neurüdnitz in die neue brandenburgische Verlassenheit zu schlagen, zagten im zugigen Zäckericker Loose, fanden endlich den schnurgeraden Abzweig »Zollbrücke«, rechts und links die Bäume voll grünen Apfelshampoos und plötzlich ist die ganze Straße zugeparkt, ein Wiesenparkplatz ist voll belegt und der Wiesenparkplatzwächter fuchtelt wehrend mit den Armen. Dann also zu Fuß weiter. Und dann sehen wir sie, links und rechts in die Prachtnatur mäandernd und aus ihr heraus, in vorteilhafter, ja vorschriftsmäßig regendichter Kleidung, Senioren zu Paaren und Gruppen, als wären die Heimatvertriebenen im Verband angetreten, um vom Oderdamm vorwurfsvoll »nach drüben« zu blicken. Nimmer konnten wir ahnen, dass Hunderte sich an einem verpissten späten Sonntagnachmittag hier, am Rande der bekannten Welt, zu Theatergenuss verdichten würden. Dann entdecken wir auch immer mehr junges Volk unter den Methusalemiten, und vom Oderdamm herunterkollernd entnehmen sie ihren Gefährten Stühlchen und Liegestühle und rutschen neben dem nur sparsamst als Theater gekennzeichneten Haus Nr. 16 in den Garten oder Hof, wo die Ränge mit den ortsansässigen Klappstühlen »Nick« (IKEA, 7,99 Euro) eigentlich üppig belegt sind, aber freilich, so viele Stühle, wie hier gebraucht werden, kann kein unsubventionierter Privater hinstellen. Das Publikum scheint kundig.
Blieb nicht mehr viel Zeit: Aha!, da die Oder; oho!, da drüben der Pole, unsichtbar hinter Uferwucherungen im ausgedünnten Land; ah!, links ein Kaffeetscherl, wäre wohl möglich, füllten sich im Rücken die Ränge nicht beängstigend; super!, rechts das alte Dammmeisterhaus mit seinem Museum und der Kunsthandwerkerei. Auf den Stufen Members of Initiativen und Vereinen, die um den Erhalt des sich zersetzenden Ensembles kämpfen. Und, olala!, hinterm Theater, im Saftgrün des Oderbruchs, der Ziegenhof, das ewige Nörgeln der Milchlieferanten: »Ziegen sind wie Frauen. Elegant, liebenswürdig und neugierig, mit einer Neigung zum Meckern.« So die Käsehersteller.
Und jetzt schon wieder Verblüffung: Hier kein Eintritt! Sondern Austritt! Später. »Wir muten Ihnen eine harte Entscheidung zu: Was ist Ihnen der Abend wert? Wie viel Zoll sind Sie bereit zu zahlen, wenn Sie die Brücke begehen zwischen hier oben und da unten, zwischen Publikum und Künstlern. Zwischen Ihrer Gegenwart und unserer Zukunft ... Sie bestimmen den Preis. Zahlen Sie, was wir brauchen.« So wird Thomas Rühmann am Ende sein Publikum entlassen, das ein großes Glas mit bunten Scheinen füllen wird. Am Ende von» Mitten in Amerika«. Wozu jetzt ein Vorhang aufgeht und die Akteure vor einer alten Dreschmaschine stehen, als wären sie ins Land gewachsen.
Seit 1998 gibt es das »Theater am Rand«. Es ist passiert, sagt Thomas Rühmann. Er hat Tobias Morgenstern am Gorki-Theater kennen gelernt. Morgenstern, Musikant und Akkordeon-Künstler, ein Mensch wie aus Oderweide gezauselt, in den Achtzigern Musikdramaturg und Arrangeur des Erich-Weinert­Ensembles, 1988 mit dem Bobby als »Bester Musiker des Jahres«, Kategorie Extra (Welt­musik), ausgezeichnet, mit seiner Gruppe» L' art de Passage« in aller Welt unterwegs, Jacques Brel quetschend mit Gisela May, mit Theodorakis schunkelnd, für Kresnik die Musik zum Volksbühnen-Picasso erfindend (von Bettina Wegner, Gerhard Schöne oder Reinhard Mey wollen wir schweigen). Morgenstern hatte schon vor der Wende dieses hundertjährige, balkensatte Haus eines redlichen Zimmermanns vom Ehepaar Seidel, Zweitunterzeichner des Gründungsaufrufs des »Neuen Forums«, gekauft, um idealer stadtflüchten und tiefer musizieren zu können. Ein Artist, den man sich bestens in Guy Klucevseks »Accordion Tribe« vorstellen könnte, den Menschen ihr Lalajodeldü-Wurzelgeflecht wiederbringend, zeigend, was daraus wachsen kann.
Thomas Rühmann, der Schauspieler, verspürte zunehmend ein Befremden im entfremdeten, von kapitalistischer Konkurrenzkasperei enthemmten Staats- oder Stadttheater. Da hatte er keine Lust mehr zu. Als bei einem Besuch im Morgensternhaus der fette Roman der Annie Proulx Das grüne Akkordeon durch die Dielen brach, probierten sie zusammen. Rühmann stanzte die Sehnsuchtsbilder, die aus den Klängen des Knopfakkordeons bei seiner Wanderung durch die Hände aller Kulturen und Schicksale, die Amerika formten, aufsteigen, aus der Textmenge. Zuerst trugen sie »Accordion mystery« Freunden im Wohnzimmer vor, dann musste die erste Wand raus, um Nachrücker zu fassen, dann eine nächste. Das Bühnchen immer mit gedreht. Nach mehreren Umbauten gibt es jetzt Platz für 80 Besucher. Dann kam die Wiese dazu. Jetzt haben sie manchmal Sorge, dass sie es nicht mehr beherrschen können, wenn sie massenhaft Willige wieder heimschicken müssen. Wer hier dabei sein will, braucht einen langen Atem. Wer ins Netz schaut (www.theateramrand.de), um sich anzumelden, der findet auf Wochen kein Plätzchen.
Von hier aus reist nun die Fantasie bis ans Ende der Welt, mit dem Seidenraupenhändler Joncour, nach der west-östlichen Novelle »Seide« von Alessandro Baricco. Hier wird in einem »Heimatabend« vom Spinnhaus erzählt, nach Kerstin Hensels Roman, einem Haus, schwer von Frauenschicksalen im erzgebirgischen
Geklüftel.
Als zweite große Arbeit hatten Morgenstern und Rühmann Die Entdeckung der Langsamkeit von Sten Nadolny gegen das blöde Rasen der Zeit gestellt.
»Erzählen widersteht der Eile«, heißt es bei Nadolny in Selim oder die Gabe der Rede. Das könnte ein programmatischer Satz des Theaters am Rand sein. Sorgfältiges Erzählen in rhythmisierter Sprache, getragen von der Musik und in Zwiesprache mit ihr. Ohne viel Faxen, auf den Text, die Story setzend, die Gäste zum Zuhören zwingend. Und die lassen sich zwingen - wie viele mögen ganz entwöhnt sein? -, am Ende sind sie noch dankbar! Nicht nur die alten Ostalgiker, die endlich einmal wieder ihre Dröhnung entbehrter

 

»Unterhaltung mit Niveau« empfangen. Es ist verbrieft, dass es anlässlich eines Gastspiels mit »Accordion mystery« im Rheinland vor Hunderten deutscher Winzer zu Klatschorgien stoiberschen Ausmaßes
gekommen ist.
Und jetzt also neu im Repertoire »Mitten in Amerika«, das Buch der Annie Proulx über Segen und Verhängnis von Stacheldraht, Windrädern, Ölquellen in den Panhandles, wo Texas und Oklahoma aneinander reiben, und das Land ruiniert wird von der industriellen Schweinemast. Die verdiente Schauspielerin des Volkes, Ursula Karusseit, haben sie dazugewonnen und einen Herrn Jens-Uwe Bogadtke, der einen besoffenen, Verse schmiedenden Slapstick-Sheriff hinlegt, an dem unsere Fernsehkomiker und Comedykonjunkturisten studieren könnten, wie sie eventuell zu ertragen wären. Aber was man da nun zur Schweinequal hört, dazu vielleicht wenige Kilometer landeinwärts denkt, nach Hassleben hinauf, zur großen Sauerei (Kommune 1/05), was Proulx und Rühmann uns zum Vernichtungsfeldzug des Kapitals gegen alles, was lebt, erzählen, oder zu den Träumen, die voll geschissene Prärie zu räumen und sie wieder den Büffeln zu überlassen, wenn man dann am Ende Rühmann fast schon gurren hört: »Wir werden an die Ränder ziehen und eine große Mitte frei lassen«, dann begreift man diese Verführung zumindest der 80 Prozent Besucher aus dem Umland: Es gibt wieder etwas »zwischen den Zeilen« zu hören und zu denken! »Zwischen den Zeilen«, der Mythos der DDR-Kultur und ihrer Schaffenden. Endlich wieder »zwischen den Zeilen«, statt zwischen den Beinen.
Und wie die Landschaft die Texte verzaubert!
Wir wollen die vielen Gastspiele nicht vergessen. Darunter Künstler, die wir im Westen nie kennen lernen durften, zu Unrecht verachtete, vorfristig verräumte Deli-Ware, an den Rand gedrängt. Und man würde sich nicht wundern, wenn Katrin Sass (Goodby, Lenin) hier bald ihre alten Pionier-Lieder zum Vortrage bringen würde.
So ist dieses Theater am Rand und sein Publikum auch ein stilles, trautes Widerstandsnest aus Entschleunigung, Aufatmen zwischen den Zeilen und Pflege gefährdeter Heimat. Ein soziokulturelles Biotop.
Mit Geld ist hier nüscht, sagt Thomas Rühmann. Er und Morgenstern haben schon Pläne gezeichnet für das Theaterchen, das sie sich auf die Wiese bauen wollen. Damit sie nicht mehr im Niesel stehen. Schritt für Schritt. Was das Glas spricht. Ein paar EU-Mittel vielleicht? Vielleicht. Die Pläne sind streng geheim. Die Bühne ist schon markiert von mächtigen Baumstämmen der Region. Alles soll aus umgebender Natur sein und bleiben. So wie Morgenstern von seiner Musik leben kann, so Rühmann von seinem sparsamen Spiel im Fernsehen. 2002 hat er für die Rolle als Roland Heilmann, Arzt der Sachsenklinik, den »brisant«-Publikumspreis erhalten. Diese Serie, »In aller Freundschaft«, bekam gerade das »Go« für zwei weitere Jahre. Highlight des Medienstandortes Halle-Leipzig.
Mittlerweile ist Rühmann zum Chefarzt aufgestiegen. Eine Popularität, die ihn gelegentlich Einladungen zu Talks verschafft und die Möglichkeit, da von seinem Theater zu erzählen. Denn auch Werbung ist nüscht. Und wie Chefarzt Heilmann, Mischung aus Brummteddy und Kumpel, das Vertrauen von Patienten und Mitarbeitern zuwächst, wenn er sein Werk am offenen Herzen wie am verliebten oder enttäuschten verrichtet, so können auch wir ihm und seinem Theater am Rand vertrauen. Hinfahren, Herz aufwärmen.
 

Keine Zollbrücke
Im Ortsteil Zollbrücke von Zäckericker Loose gibt es keine Zollbrücke. Seit 200 Jahren nicht mehr. Bis 1945 fuhr eine Kettenfähre. Der Name Czekerick ist slawisch, bedeutet »Ort, wo mit Äxten, Beilen gearbeitet wird«. Ein Rodungsname. Die vielen »Loose« zwischen Hohenwutzen und Lebus stammen aus den Verlosungen von Land unter die vor etwa 250 Jahren gerufenen Kolonisten. Die Sümpfe und Rinnsale des von der letzten Eiszeit herausgeschabten legendären Oderbruchs mit den jährlichen Überschwemmungen wurden Mitte des 18. Jahrhunderts trockengelegt. Dämme wurden gebaut, die Brücke, die Oder musste in ein gerades Bett. Die Siedler kamen aus Böhmen, der Pfalz, aus Sachsen und Österreich. Dutzende Dörfer wurden gegründet, über 1000 Familien ließen sich nieder. Immer wieder zerstörten Wasserwucht und Eis die Holzbrücke. 1770 brach der Damm zwischen Hohenwutzen und Lebus an 37 Stellen. »»Der liebe Gott hat mich recht zu meinem Unglück in dieses fatale Bruch geführt«, jammerte der Inspektor für den Hauptdamm im Zollbrücker Dammhaus. »Ich setze mich anitzo zu Pferde und reite hin, aber ich zweifle, da keiner mehr da zu retten, ich weiß mich nicht mehr zu raten und will in Gottesnahmen gerne sterben und versaufen ... «
Friedrich II., nachdem man ein halbes Jahr mit dem Wasser gerungen: »Da mus mit Ernst nach gesehen werden, unnd wohr die Rähte des Directorium nicht alle Blei im hindern haben, mus der Treibsamste hingeschiket werden, umb die arbeit zu acceleriren.« 1785 schwamm die Zollbrücke davon. Noch einmal wurde sie leidlich erneuert. Eisgang gab ihr 1805 den Rest. 1838 war dann die Hölle los. Eisberge ragten aus der Oder. Der Eisgang »begann mit einer Gewalt, die keine Feder zu schildern vermag. Große Eisfelder wurden wie Bälle in die Luft geschleudert, zerbrachen und fielen herunter mit donnerähnlichem Gekrache ... « 8000 Einwohner, berichtet ein unbekannter Chronist, waren auf der Flucht oder saßen auf den Dächern eingeschlossen.
Zollbrücke hat keine Brücke.
Vier stadtmüde Künstler, die sich um das alte Dammmeisterhaus sorgen, es erhalten und zum eigenen wie touristischen Segen nutzen wollen, hätten gerne in Bad Freienwalde Polnisch gelernt. Wegen der Nachbarschaft. In der Volkshochschule. Sie warteten vergeblich auf weitere Interessenten aus Stadt und Land. 12 hätten sich schon zusammenfinden müssen. Im Theater hatte man neulich erstmals Zloty im Glas. Da hat man sich gefreut. Aber es könnte freilich auch anderes bedeuten. pau