Theater am Rand - Foto: Rudolf Wernicke

Bauernzeitung 24.Woche 2007

Natürlich gewachsen

Knapp zehn Jahre gibt es in einer Sackgasse, die am Oderdeich endet, das Theater am Rand. Der Musiker Tobias Morgenstern setzt dort seine Idee von einer neuen Spielstätte um, die ein einzigartiges Beispiel für ländliches Bauen ist.

Was musikalische Improvisation ausmacht, ist die Freiheit der Entscheidung - von Phrase zu Phrase, von Ton zu Ton. Nicht Aufgeschriebenes wird wiederbelebt, sondern was man hört, ist die augenblickliche Folge dieser Entscheidungen. Meist gibt es einen mit sich oder anderen Musikern vereinbarten Rahmen. Ohne den würde die schönste Improvisation im Chaos enden - nicht nur in der Musik. Improvisation ist die geistige Beweglichkeit des So-oder-anders. Etwas, das man lernen kann.
Tobias Morgenstern ist Improvisationsprofi. Der Musiker unterrichtet Improvisation und Akkordeon an der Hochschule für Musik Hanns Eisler. Wenn so einer ein Haus baut, darf man gespannt sein. Aber ein Haus hat er schon. Der 100 Jahre alte Fachwerkbau, in den sich der geborene Dresdener Mitte der 80er Jahre zurückzog, um Musik zu machen, steht da, wo es rundherum schön ruhig ist: in einer Dorfstraße, die als Sackgasse am Oderdeich endet; abseits des Geschehens, an Deutschlands östlicher Grenze. 1997 wurde seine „gute Stube" aus Ermangelung einer geeigneten Spielstätte zum Aufführungsort für „Accordion mystery", eine Bearbeitung des Romans „Das grüne Akkordeon" von Edna Annie Proulx. Sie war nach der Lesefassung von Sten Nadolnys „Entdeckung der Langsamkeit" das zweite musikalisch-darstellerische Unternehmen mit seinem Freund, Schauspieler Thomas Rühmann. Zunächst kamen Freunde und Bekannte aus Berlin, die wiederum Freunde und Bekannte mitbrachten. Die „gute Stube" füllte sich von Vorstellung zu Vorstellung mehr und wurde zum „Theater am Rand". Die 60 Plätze - mehr gab der improvisatorische Rahmen auch nach Umbau beim besten Willen nicht her - reichten oft nicht aus. Nicht nur Berliner Wochenendausflügler waren neugierig geworden, auch die, die schon immer „am Rand" wohnen, die alteingesessenen Oderbrücher. Deren scheinbar naturgegebene Skepsis allem hauptstädtischen Treiben in ihrem Umfeld gegenüber wandelte sich in Neugier und leise Bewunderung. Konnte man doch dem Impuls „Na, mal sehn, was die da so machen" nachgeben, ohne in monetäre Vorschusslorbeeren investieren zu müssen: Seit seiner Gründung heißt es im Theater am Rand „Eintritt bei Austritt". Und das Austrittsgeld finanziert ausschließlich den Unterhalt und die Entwicklung des Hauses.

Eintritt bei Austritt

Sicher trägt die wöchentliche Fernsehpräsenz von Thomas Rühmann als Serien-Chefarzt der Leipziger Sachsenklinik dazu bei, dass auch Leute den Weg aufs Land und ins Theater finden, die man hier wie dort nicht so häufig sieht. Verdächtig häufig klicken zu Beginn der Vorstellungen Fotoapparate. Doch sei's drum. Das Gute-Stube-Theater platzte bei mancher Vorstellung seiner beiden Betreiber und auch bei manchem Gastspiel aus allen Nähten. Fürs Weihnachtsprogramm wurde ein Zirkuszelt ausgeliehen, und auch das füllte sich. Und so keimten nach den ersten erfolgreichen Jahren Gedanken an eine neue Spielstätte. Aber wie soll das gehen: Ein neues Theater; in Brandenburg; im Außenbereich; in einem Ort mit 19 Einwohnern? Und wie soll man es finanzieren?

Gute Ideen tragen weit

Tobias Morgenstern ist überzeugt: Wenn eine Idee, eine Vision stark genug ist, regelt sich alles andere, auch ihre wirtschaftliche Umsetzbarkeit. Und weil seine Idee von der neuen Spielstätte eine von diesen starken war, können wir dem Meister der musikalischen Improvisation nun doch noch beim Bauen zusehen.
Ein Theaterbau sollte es werden, der in die Landschaft passt, sich in die Beschaulichkeit der Zollbrücker Fachwerkbauten einfügt, ohne selbst einer zu werden. Seit 2005 wächst auf der Wiese neben dem alten Theater, das nun wieder zur guten Stube geworden ist, ein Ensemble aus Lehm und Holz. Ein eckenloser Lehmbau mit Grasdach und Baumstammpfeilern schmiegt sich organisch an den alten Fachwerkstall an. Er wird als Garderobe, Ess-, Aufenthalts­- und Schlafraum für gastierende Künstler genutzt. Und dann ist da der eigentliche Theaterbau mit seinen mehr als mannsdicken Eichenstammsäulen, die als Stützpfeiler das Holzdach aus rohen Halbstämmen tragen. Darunter im Halbrund Traversen aus Holzstämmen, auf denen etwa 150 Theatergäste einen Sitzplatz finden; in der Mitte, schräg über einem ummauerten Eisenofen, eine Loge, von der aus es zur Kanzel, dem Arbeitsplatz des Technikers nahe der Scheinwerfer, hinaufgeht. Nicht aus Holz sind bei alldem nur das gegossene Betonfundament und die Stahlträger, die aus bautechnischen Gründen als Kern in die Eichenstämme eingelassen wurden. Soweit die unverrückbaren Bestandteile.

Wandelbarer Bau

Alles andere zu beschreiben, ist Sache des Augenblicks. Denn zum einen entwickelt sich der Bau im Fortschreiten der Um­setzung jener „Mehrphasenprojektierung", die - um das Anfangsbild aufzugreifen - den improvisatorischen Rahmen vorgibt. Zum anderen ist es als „offenes Gebäude mit mobiler Winterschließung" entworfen und sieht bei jedem Besuch immer ein bisschen anders aus. Zum „Gentechnikfreien Frühstück am Rand" Ende April hatte es noch seine Winterjacke an: imprägnierte, landwirtschaftsübliche Strohwürfel. Beim jüngsten Besuch Anfang Juni waren die wieder weg. Dafür hatte das Haus die Flanken weit geöffnet und hinter der zehn Meter breiten Bühne erstreckte sich wieder die weite und leibhaftige Kulisse einer Oderbruch-Abendlandschaft. Als der Wind auffrischte, wurden auf der einen Seite kurzerhand die Luken dichtgemacht. Gespielt wurde an diesem Abend „Im Spinnhaus - Ein Heimatabend" nach dem Roman von Kerstin Hensel. Ein programmatisches Stück, bauen doch die, die da auf der Bühne stehen, an ihrem eigenen Spinnhaus. Und sie tun es, das sollte noch erzählt werden, ohne Bankkredite. Als Sympathisant der Freiwirtschaftslehre von Sylvio Gesell, der Anfang des vergangenen Jahrhunderts die Überbewertung des Zinswertes des Geldes vor dessen Tauschwert als Ursache für Wirtschaftskrisen herleitete, könnte Tobias Morgenstern nicht guten Gewissens zusehen, wie ein Großteil der „Austrittsgelder" für Kreditzinsen draufgeht. Mittels der Austrittsgelder, einer EU-Förderung über LEADER+ und privaten, zinslosen Kleinkrediten schreitet der Bau gemächlich, aber stetig voran.
Seit Kurzem schützt ein lichtdurchlässiger Vorhang, wie er bei Open-Air-Konzerten üblich ist, die Bühne vor Wind. Eine „Zollinger Kuppel", ein fast vergessenes Rautenkranzsystem als Dachkonstruktion über dem Eingangsbereich, wird in einer der nächsten Bauphasen umgesetzt werden. Jedoch - und das war eine zweite Prämisse des Baus - wird er wie in den vorangegangenen Phasen seiner immer bespielbar sein. Sobald das Fundament ausgehärtet war, nahmen es die Akteure als Sommerbühne in Beschlag. Nach dem Richtfest hatte das Publikum ein Dach über dem Kopf, saß aber noch auf Klappstühlen; nach Einbau der Sitztraversen waren die beweglichen Seitenwände an der Reihe, die den Theaterbetrieb auch im Winter zuließen.

So-oder-anders

Bei den Seitenwänden lässt sich nicht nur die obere Hälfte als Luke öffnen, sondern auch die untere Hälfte herunterklappen, die so zu einer zweiten, nach außen gerichteten Bühne wird, beispielsweise für Veranstaltungen auf dem Hof. Auch hier wieder gilt das improvisatorische Prinzip des So-oder-anders. Überhaupt gleicht der ganze Bau weniger einem Gebäude als vielmehr einem großen Organismus, der behäbig, aber sehr lebendig ist. Wie er am Ende aussehen wird und ob er überhaupt je als fertig gelten wird, weiß wohl Tobias Morgenstern allein. Architektur hat er nicht studiert, aber sein musikalischer Sinn für Zahlenverhältnisse, Rhythmen, Formen und eben Improvisation materialisiert sich im Theaterbau en gros und en detail.
Doch – und Morgenstern ist bescheiden genug, das nicht zu vergessen - würden ohne geeignete Mitstreiter die Ideen wohl dort bleiben, wo sie entstanden sind. Mitbetreiber Thomas Rühmann gibt beim Bau moralisch Unterstützung und bereitet die neuen Stücke vor; Bauingenieurin Angelika Brückner übersetzt Morgensterns bauliche Ideen in die Sprache, in der Architekten und Ämter verhandeln; der Kreistag Märkisch-Oderland gab seinen politischen Segen und dem Bauamt grünes Licht für das außergewöhnliche Unternehmen; Zimmermannsmeister Veit Templin aus Neulietzegöricke - einer, der alle Sinne beisammen habe, meint Morgenstern - setzte mit dem Wilhelmsauer Holger Rüdrich, der per Motorsäge den gleichermaßen robusten wie leichtfüßigen Innenraum zauberte, und anderen regionalen Firmen die Idee in die Praxis um, und natürlich Almut Undisz, die nicht nur ihr Leben mit ihm teilt, sondern sich um Reservierungen, Öffentlichkeitsarbeit, Spiel- und Probenplanung kümmert und die Ziegen auf dem Nachbarhof von Michael Rubin. Die geben fleißig Milch für den Käse, der bei den Theatergästen in betriebswirtschaftlich relevantem Umfang auf den Stullen landet. Und so haben am Ende alle etwas davon, nur weil einer improvisieren kann und eine gute Idee hat.

Heike Mildner