Theater am Rand - Foto: Rudolf Wernicke

Berliner Zeitung, 05.01.2009
DIE BRANDEN-BÜRGER

Am Rande der Welt

Schauspieler Thomas Rühmann betreibt mit Musiker Tobias Morgenstern
ein Theater im Oderbruch

Katrin Bischoff

ZÄCKERICKER LOOSE. Dieser Ort liegt am Ende der Welt. Mancher würde auch salopp sagen: am Arsch der Welt. Gleich hinter dem Ortseingangsschild steht ein ungewöhnlicher Rundbau: Ein Theater für 200 Zuschauer. Ausgerechnet hier. In Zollbrücke, einem Ort, in dem gerade einmal 19 Menschen wohnen und der zu der Gemeinde mit dem ebenso seltsamen Namen Zäckericker Loose gehört. Ein Ort, dessen einzige Straße an der Oder endet. Das ist tiefste Provinz, der östlichste Osten. Das Theater kann schlecht "Theater am Ende" heißen oder "Theater am Arsch der Welt". Wer würde da schon kommen nach Zollbrücke in Zäckericker Loose.

Thomas Rühmann steht vor dem Holzhaus, hat die Hände tief in den Taschen seines Parkas vergraben und die Schultern fröstelnd hochgezogen. Es ist hier immer ein wenig kälter als im restlichen Brandenburg. "Kälter und weiter weg, am Rand eben", sagt der 53-Jährige, er hört sich zutiefst zufrieden an. Viel Mut ist nötig, hier ein Theater zu eröffnen und ihm den Namen der Gegend zu geben: "Theater am Rand". Doch Rühmann und der Musiker Tobias Morgenstern haben es nicht gegründet, stellt Rühmann klar. "Es ist uns passiert."

Ein Hund rennt über die Straße. Das Tier ist vom Ziegenhof nebenan. Es muss sich nicht um Autos scheren, die kommen nur am Wochenende, wenn gespielt wird im Theater. Dann ist der Ort voller Autos. Das Theater hat sich längst zu einem Geheimtipp gemausert.

80 Gäste im Wohnzimmer

Die Geschichte des Theaters begann vor elf Jahren im Zollbrücker Bauernhaus von Tobias Morgenstern, dem Akkordeonisten und Gründer der gefeierten Band "L' art de passage". Sein Freund Rühmann schleppt den Roman "Das grüne Akkordeon" von E. Annie Proulx an. Es ist die Geschichte eines Akkordeons, das sich durch ein Jahrhundert spielt. Sie probten es als Zwei-Personen-Stück - ohne Aufführungsrechte. "Wir dachten, hier in Zollbrücke wird das schon keiner merken", sagt Rühmann. Sie spielten das Stück zuerst vor wenigen Freunden, doch es kamen immer mehr Bekannte dazu. Irgendwann erhielten sie doch noch die Rechte.

"Jahrelang hatte Tobias sein Wohnzimmer alle zwei Wochen voller Leute", sagt Rühmann. 50 bis 80 Menschen quetschten sich hinein. Nicht selten herrschten dann Temperaturen von knapp 50 Grad. Nach sieben Jahren entschlossen sich Rühmann und Morgenstern, ein Theater zu bauen. Eines, bei dem sich die Wände zur Seite schieben lassen, so dass die Zuschauer an lauen Abenden den Reiz der Natur im Oderbruch erleben können.

Es ging beim "Theater am Rand" nie ums Geldverdienen. Vielleicht ist es das Zwanglose, das die Aufführungen so reizvoll macht - und die Tickets so begehrt.

Rühmann verdient seine Brötchen durch Fernsehfilme. Er hat viele Fans, denn er spielt seit 1998 den Chefarzt Dr. Roland Heilmann in der ARD-Serie "In aller Freundschaft". Dafür steht er regelmäßig in Leipzig vor der Kamera. "Wir sind jetzt bei Folge 420 oder 430", sagt er.

Dass trotzdem noch Zeit und Muße für ein kleines Theater bleibt, ist für ihn nichts Ungewöhnliches. "Die Serie allein wäre Stress", erklärt er. Die Arbeit in Zollbrücke nennt er hingegen eine "Kräftezuwachskonstellation". "Es war der Schritt zu etwas Elementarem", sagt der Schauspieler. "Ein Ausdruck dafür, was einem im Innersten auf der Seele brennt." Dagegen habe seine Arbeit vor der Kamera mehr mit Handwerk zu tun.

Thomas Rühmann, geboren und aufgewachsen in Sachsen-Anhalt, ist eines von sieben Kindern eines Historikers und einer OP-Schwester. Nach dem Abitur studiert er Journalistik in Leipzig. "Mit 18 weiß man noch nicht so recht, was man eigentlich will", sagt er. "Und da ich gerne Aufsätze geschrieben habe, bin ich in Leipzig gelandet."

Viel Freude habe ihm das Studium allerdings nicht bereitet. Ganz anders ist es bei der Studentenbühne, bei der er anfängt. Die Auftritte dort machen ihm Spaß. Als klar wird, dass seine Journalistenlaufbahn bei der Nachrichtenabteilung des Rundfunks beginnen soll, steht für ihn fest: "Das machst du nicht. Du bewirbst dich an der Schauspielschule." Er macht den Journalistik-Abschluss, beginnt aber zwei Monate danach seine Ausbildung an der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin. Dann verpflichtet ihn das Maxim-Gorki-Theater. Vor der Kamera steht er erstmals 1983 im Film "Martin Luther".

Seit einigen Jahren ist Zollbrücke der Zweitwohnsitz von Thomas Rühmann. "Es ist interessant zu erfahren, wie gut es sich außerhalb Berlins lebt", sagt Rühmann, der geschieden ist und zwei Kinder hat. Seine beiden erwachsenen Töchter - 26 und 31 Jahre alt - würden zwar ab und an seine Arzt-Serie sehen, wollen aber nie wie ihr Vater die Schauspielkunst erlernen. Die älteste, erzählt er, arbeite in einer Filmfirma, seine jüngste Tochter studiere Biologie.

Rühmann und Morgenstern haben noch viel vor in Zollbrücke. Im vorigen Juli ist die Open-Air-Bühne fertig geworden. Nicht das letzte Projekt. Neben dem Rundbau soll es irgendwann ein kleines Restaurant geben. Doch erst einmal ist Ruhe eingekehrt in dem beschaulichen Ort am Rande der Welt. Das Theater macht einen Monat Spielpause.

In unserer Serie stellen wir Brandenbürger vor - Menschen mit ungewöhnlichen Ideen, die engagiert und mit Erfolg in der Region wirken.